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Kategorie: 1. Klasse AHS
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Elisabeth liest Jakob im Kinderzimmer aus einem Buch vor.

Jakob: Geh, lies mir das Letzte noch einmal vor.

Elisabeth: Das vom lieben Gott?

Jakob: Ja.

Elisabeth: Gott ist überall. Geh’ ich auch im finstern Tal, Gott ist bei mir.

Jakob: Das vom finstern Tal mag ich nicht. Nur das vorher.

Elisabeth: Gott ist überall.

Jakob: Gott ist überall - Glaubst du, Elisabeth, stimmt das?

Elisabeth: Ja, ich glaub’ schon, daß das stimmt.

Jakob: Gott ist überall - (Springt auf) Dann geh ich ihn jetzt suchen.

Elisabeth: Was, willst du?

Jakob: Ich geh’ den lieben Gott suchen.

Elisabeth: Aber Jakob, den lieben Gott kann man doch nicht sehen.

Jakob: Ich werde überall schauen. Wenn er überall ist, muß man ihn doch finden ... (Ab)

(Im Garten. Jakob schlendert aufmerksam von Blume zu Blume, von Strauch zu Strauch. Ein Schmetterling schwebt vorbei.)

Jakob: Servus, Schmetterling. (Er betrachtet einen Baum)

Jakob: Du bist ein schöner Baum. - (Ein Vogel wippt auf einem Zweig und zwitschert) Jetzt hör’ ich was. - Ah, du bist das. Grüß dich, Vogel. - Da bewegt sich etwas zwischen den Blumen. - Jö, eine Maus. Ist die lieb. Hallo, Maus, hab keine Angst vor mir. - Wohin rennst du denn? (Geht durch den Garten, bleibt stehen, weil er Sägegeräusche hört) Was ist das? Da sägt wer ... Im Nachbargarten. - Die Frau Swoboda?

(Der Vater wird sichtbar, er sägt und schnauft dabei)

Jakob (zu ihm hin): Ah, du bist das, Vati! Was machst du denn da?

Vater: Ich säge. Das siehst du doch. Ich säge Holz für die Frau Swoboda. Leider ist das eine unmögliche Säge, die für zwei gemacht ist, nicht für einen.

Jakob: Ich hätte schon immer gern gesägt. Darf ich mitsägen?

Vater: Bitte, probier’s einmal ...

Jakob: Jöööö ...

(Elisabeth am Fenster)

Elisabeth: Wo der Jakob steckt ... Jetzt wart’ ich schon so lang. - Jakob! Jakob!

Jakob: Schrei nicht so, ich komm’ ja schon.

Elisabeth: Jetzt hab’ ich mir schon Sorgen gemacht, weil du so weggerannt bist.

Jakob: Na, ich hab’ doch den lieben Gott suchen wollen.

Elisabeth: Ja. Und hast du ihn gefunden?

Jakob: Hm. Ich weiß nicht. (Langsam zur Haustür, auf den Stufen bleibt er stehen) Aber es war sehr schön, das Suchengehen. Morgen geh’ ich ihn wieder suchen.

(Aus: Weite Welt, 1996)

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